11. Summer School der Digitalen Interview-Sammlungen an der Freien Universität Berlin

Verschlossene Grenzen. Erinnerungen an Flucht, Migration & Exil in Video-Interviews mit Überlebenden des Nationalsozialismus

Vom 24. -31. Juli 2019 richteten die Digitalen Interview-Sammlungen an der Freien Universität Berlin zum elften Mal eine Summer School für internationale Nachwuchswissenschaftler(-innen) aus. Im Rahmen der einwöchigen Veranstaltung bekamen 20 Teilnehmer(-innen) eine Einführung in die wissenschaftliche und  didaktische Arbeit mit Oral History-Archiven zum Nationalsozialismus und widmen sich den Themen Flucht, Migration und Exil in den Erinnerungsberichten Überlebender.

Das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte Angebot richtete sich an Personen, die in der Vergangenheit als internationale Studierende oder Gastwissenschaftler(-innen) ein oder mehrere Semester an einer deutschen Hochschule studiert oder geforscht haben und Interesse an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Oral History zum Nationalsozialismus haben.  

Immer weniger Zeug*innen sind in der Lage ihre persönlichen Erinnerungen direkt weiterzugeben. Damit kommt insbesondere audiovisuell aufgezeichneten Oral History-Interviews eine wachsende Bedeutung zu. Sie sind zu einem zentralen Element der Public History und der Bildungsarbeit über den Nationalsozialismus geworden. Aber auch die Holocaustforschung greift vermehrt auf die Berichte Überlebender als Quelle zurück.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden in unterschiedlichen umfassenden Projekten die Lebensgeschichten und Erinnerungen von Überlebenden und Zeug*innen des Nationalsozialismus dokumentiert, erschlossen und für Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt. Die Freie Universität Berlin bietet den Zugang zu fünf umfangreichen Oral History-Sammlungen an: dem „Visual History Archive der USC Shoah Foundation“, dem Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“, dem „Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies“ der Yale University, dem Archiv „Refugee Voices“ sowie dem Archiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“. An der Freien Universität werden seit nunmehr 10 Jahren Bildungsangebote und digitale Lernmaterialien mit lebensgeschichtlichen Video-Interviews, wie z.B. die DVD-Lernsoftware „Zeugen der Shoah“ und die Online-Lernumgebung „Lernen mit Interviews. Zwangsarbeit 1939-1945“ entwickelt.

Ein Charakteristikum der Interviews ist, dass es sich um lebensgeschichtliche Berichte handelt, die nicht nur die Verfolgung im NS, sondern auch die Zeit davor und danach thematisieren. So stellen sie auch eine wichtige Quelle für die Migrations- und Exilgeschichte während und nach dem Nationalsozialismus dar, denn sie beleuchten den Einfluss von Vertreibung, Flucht und Migration auf das Leben der Zeug*innen und ihrer Familie.

Zwischen 1933 und 1941 flohen mehrere hunderttausend Menschen aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Die Mehrheit von ihnen waren Jüdinnen und Juden. Die Auswanderung bedeutete für die meisten von ihnen, mittellos ins Ungewisse zu gehen und nahe Verwandte und Freund*innen zurückzulassen. Ab 1938 verschlossen fast alle Länder ihre Grenzen vor den jüdischen Flüchtlingen, die Konferenz von Évian im Juli 1938 setzte einen traurigen Höhepunkt, indem sie die geringe Aufnahmebereitschaft der westlichen Demokratien manifestierte. Hier gibt es Anknüpfungspunkte und Diskussionsmomente bezüglich des heutigen Umgangs mit Geflüchteten. Nach Kriegsbeginn verschärfte sich die Lage noch einmal dramatisch.

Die Zeug*innen beschreiben in den Interviews ihre verzweifelte Suche nach einem Zufluchtsland, die Bedeutung jüdischer Selbsthilfeorganisationen, die Handlungsspielräume von Menschen in den Aufnahmeländern, aber auch das Eingeholt-Werden durch den Zweiten Weltkrieg bzw. den Vormarsch der NS-Truppen. Sie berichten vom Zusammenhalt der Familie, der Trennung von ihr, der Bedeutung von Pässen, Visa und Kontakten, der Suche nach einer Arbeit im Ausland, von Erfahrungen des Fremdseins oder Aufgenommen-Werdens sowie von der oft jahrzehntelangen Suche nach einem Heimatland. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über Flucht und Migration haben die in den Interviews beschriebenen Erfahrungen eine verstörende Aktualität.

Im Rahmen des Workshops wurde dem besonderen Charakter von videografierten Interviews mit Überlebenden und ihrem Potential für die Erforschung der Migrationsgeschichten im NS nachgegangen. Wissenschaftliche Vorträge und Übungen informierten über die Theorie und Praxis der Oral History und die Geschichte von Flucht und Vertreibung im NS . Das Programm wurde durch Exkursionen zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und der Gedenkstätte Stille Helden ergänzt. Im Rahmen von Gruppenarbeiten haben die Teilnehmer*innen Gelegenheit bekommen sich intensiv mit ausgewählten lebensgeschichtlichen Erinnerungsberichten auseinanderzusetzen und sie wissenschaftlich zu analysieren. Ein Untersuchungsfokus war dabei die Reaktion der Mehrheitsgesellschaften auf bzw. die Interaktion mit den Migrant*innen, Geflüchteten und Exilant*innen. Dabei wurden Gegenwartsbezüge zu den jeweiligen Flüchtlingspolitiken und -debatten in den unterschiedlichen Herkunftsländern der Teilnehmer*innen diskutiert und ethische wie methodische Implikationen von vergleichenden Bezügen erörtert.


Kontakt:

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Digitale Interview-Sammlungen
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Verena Nägel
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